Whirlpool-Stress und das soziale Chamäleon
- Tanja Alexa Holzer

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Mein fast normaler Wahnsinn als introvertierte Hochsensible. 12 Beispiele aus dem HSP-Alltag.

Kennen Sie diese Momente, in denen alle um Sie herum entspannt lächeln, während Sie innerlich kurz vor der Explosion stehen? Willkommen in meiner Welt. Willkommen im Alltag einer hochsensiblen Person (HSP).
In meinem Wortfeger Atelier geht es oft um feine Nuancen in der Sprache. Heute möchte ich diese Feinheit auf den Alltag lenken. Denn was für neurotypische Menschen, also die Mehrheit der Gesellschaft, als »normal«, »entspannend« oder »höflich« gilt, ist für mich oft ein Spießrutenlauf der Reize.
Ich lade Sie ein auf eine kleine, persönliche Reise durch meine Eigenheiten. Vielleicht finden Sie sich darin wieder, und können endlich schmunzeln, statt sich zu wundern.
1. Der Endgegner: Der Friseurbesuch
Für viele ist der Friseur ein Ort der Wellness. »Lass dich mal verwöhnen«, sagen sie. Für mich ist es eine Prüfung in drei Akten.
Erstens: Die Berührung. Eine fremde Person fasst mir an den Kopf. Das ist für mich eine Grenzüberschreitung, die ich nur schwer aushalte.
Zweitens: meine feinen Haare. Sie sind, wie ich, sensibel und eigenwillig.
Drittens: Smalltalk-Zwang. Während ich versuche, die taktilen Reize zu verarbeiten, schwebt die Frage im Raum: »Und, wohin geht’s in den Urlaub?« Ich sehne mich nach Stille, muss aber sozial performen. Ein Kraftakt. Friseur oder Zahnarzt? Raten Sie mal, was mir lieber ist.
2. Warum Schwarz meine Farbe der Ruhe ist
Haben Sie schon einmal bemerkt, dass ich fast immer Schwarz trage? Das ist kein modisches Statement für Trauer, sondern purer Selbstschutz. Farben haben Energie. Rot heizt mich auf, es macht mich nervös, es vibriert zu stark. Schwarz hingegen ist wie ein schützender Kokon. Es gibt mir Halt und Ruhe in einer lauten Welt.
Blogartikel lesen: Schwarz ist meine Superkraft
3. Der »Kratzfaktor«: Wenn Kleidung zum Feind wird
Bleiben wir kurz bei der Kleidung. Kennen Sie das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse? So fühlt sich meine Haut an. Ein Etikett im T-Shirt, das für andere schlicht nicht existiert, fühlt sich für mich an wie Schmirgelpapier. Wolle auf der Haut? Ein absolutes No-Go. Was andere als »kuschelig« empfinden, löst bei mir sofortigen Fluchtinstinkt aus. Stoffe müssen fließen, sie dürfen nicht fordern. Und sie dürfen keinesfalls an falschen Stellen einengen. Rollkragenpullover? Horror.
4. Der kulinarische Gruselfaktor: Wenn das Mundgefühl entscheidet
Auch beim Essen bin ich nicht einfach »mäkelig«, sondern sensorisch anspruchsvoll. Es gibt Lebensmittel, die ich wegen ihrer Konsistenz schlicht nicht essen kann. Pilze oder Zucchini? Fühlen sich für mich im Mund einfach falsch an. Mozzarella liebe ich, aber nur roh oder geschmolzen auf der Pizza. Sonst ist mir Mozzarella zu gummiartig, da streikt mein Inneres. Noch schwieriger ist das Thema Vertrauen: Wenn ich einer Restaurantküche nicht traue oder unappetitliche Bilder im Kopf habe, ist Schluss. Da kann mein Magen noch so sehr knurren. Und glauben Sie mir: Wenn ich hungrig bin, werde ich eigentlich unausstehlich (Stichwort: »Hangry«). Aber selbst die drohende schlechte Laune zwingt mich nicht dazu, über meinen Schatten zu springen, wenn mein Ekel-Radar Alarm schlägt.
5. Whirlpool: Die Blubber-Falle
Stellen Sie sich vor: warmes Wasser, blubbernde Düsen. Entspannung pur? Nicht für mich. Ein Whirlpool ist für mein Nervensystem der Inbegriff von Überreizung. Es ist zu laut, es sprudelt zu wild, es ist zu heiß. Statt herunterzufahren, fährt mein System hoch. Reizüberflutung. Überstimulation. Ich brauche die Stille des Wassers, nicht den Sturm im Wasserglas.
6. Das nächtliche Konzert des Hauses
Wenn die Welt schläft, werden meine Ohren wach. Ich wache auf und höre ... alles. Das Surren des Kühlschranks in der Küche wird zum Dröhnen. Das Gurgeln in den Wasserleitungen klingt wie ein Wasserfall. Ein Zirpen draußen in der Nacht? Ein Presslufthammer. In diesen Momenten ist die Filterlosigkeit meiner Wahrnehmung keine Gabe, sondern schlichtweg zu viel.
7. Less is more: Mein Bedürfnis nach Leere
Mein Zuhause auf Lanzarote spiegelt mein Inneres wider. Ich brauche leeren Raum. Keine vollgestellten Regale, kein »Chichi«. Mein Auge braucht Flächen, auf denen es ausruhen kann, um meinen Geist zu beruhigen. Genau deshalb lebe ich hier, inmitten der kargen Vulkanlandschaft.
Blogartikel lesen: Lanzarote – Die Ruhe der kargen Vulkaninsel
8. Der emotionale Seismograf (Stimmungs-Schwamm)
Es ist nicht nur das Hören und Fühlen, es ist das Spüren. Wenn ich einen Raum betrete, weiß ich meistens sofort, wie die Stimmung ist. Hatte das Paar in der Ecke Streit? Auch wenn sie lächeln, spüre ich dicke Luft körperlich. Ich sauge die Energie im Raum auf wie ein Schwamm, ob ich will oder nicht. Das macht gesellige Runden oft sehr anstrengend: Ich fühle nicht nur meine eigenen Emotionen, sondern die von allen anderen gleich mit.
9. Die Kunst des Masking: Tarnung ist alles
Vielleicht denken Sie jetzt: »Aber man merkt dir das gar nicht an!« Genau das ist der Punkt. Dank meiner ausgeprägten Empathie fällt es mir leicht, mich einzufügen. Ich ziehe meine »Maske« an, passe mich an, lächle an den richtigen Stellen. Ich wirke unauffällig, kaum zu unterscheiden von neurotypischen Menschen.
Doch dieses Masking hat einen hohen Preis. Es ist Schauspielerei ohne Pause. Während ich äußerlich entspannt wirke, arbeitet mein innerer Prozessor auf Hochtouren, um die Fassade zu wahren. Hören, spüren, sehen, verarbeiten und Maske aufrechterhalten … Alles zeitgleich. Das kostet unendlich viel Kraft.
10. Eins zu eins statt Massenauflauf
Deshalb bevorzuge ich Einzeltreffen. Große Gruppen sind für mich wie ein Radio, bei dem alle Sender gleichzeitig laufen, plus die unterschwelligen Emotionen (siehe Punkt 7).
Wahre Verbindung entsteht für mich im Zwiegespräch. Ein tiefes Gespräch mit einer einzelnen Person nährt mich. Alles andere ist oft nur Rauschen.
11. Der lange Nachhall
Und wenn das Gespräch vorbei ist? Dann fängt es für mich oft erst an. Gespräche, Treffen und innere Prozesse wirken bei mir lange und tief nach. Neurotypische Menschen haben ein Thema oft schon abgehakt, da fängt es in mir erst an zu reifen.
Es kommt vor, dass ich Stunden später auf ein Thema zurückkomme und eine nachträgliche Erkenntnis preisgebe. Das irritiert manche (»Hä, das hatten wir doch schon?«), aber für mich ist das Thema erst dann beendet, wenn es in der Tiefe durchdrungen ist.
12. Afterglow-Down
Nach einem schönen Ereignis, so gelungen es auch war, falle ich oft in ein Loch. Ich nenne es »Afterglow-Down«. Das Masking, das Fühlen, das Verarbeiten – all das fordert seinen Tribut. Nach so einem Hoch benötige ich keinen Nachschlag, sondern radikalen Rückzug, Alleinsein und Stille, um meine Batterien wieder aufzuladen.
Blogartikel lesen: Afterglow-Down bei hochsensiblen Menschen verstehen
Fazit: Es ist okay, anders zu funktionieren & zu fühlen
Warum erzähle ich Ihnen das? Nicht, um zu jammern. Sondern um zu zeigen: Wenn es Ihnen ähnlich geht, sind Sie nicht »komisch«. Sie sind einfach fein verdrahtet.
Wir introvertierten HSP nehmen die Welt in High Definition wahr. Das ist anstrengend, ja. Aber wenn wir lernen, unser Leben, vom Kleideretikett bis zur Gesprächskultur, so zu gestalten, wie es uns guttut, dann wird aus der Belastung eine ganz eigene, tiefe Qualität.
Wie ist das bei Ihnen? Welchen Punkt kennen Sie? Haben Sie auch diesen langen Nachhall nach Gesprächen?
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
Interaktive Journale speziell für hochsensible Menschen, damit ihr Alltag etwas leichter werden möge:








