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Warum Hochsensible es hassen, zu telefonieren

Über eine besondere Herausforderung im Alltag eines HSP: das Telefonieren.


Ein Smartphone liegt auf dem Tisch, auf dem Display ein verträumtes Küstenbild mit der Affirmation "Stille", daneben liegen weisse Blumen, gehört zum Blog Wortfeger Atelier
Hochsensibilität erklärt: Warum hassen HSP das Telefonieren?

Es klingelt. Unangekündigt. Schrill. Fordernd.

Für viele Menschen ist ein Telefonanruf eine banale Alltagshandlung. Für hochsensible Menschen hingegen oft ein innerer Ausnahmezustand. Kein Drama, kein Mangel an Höflichkeit, kein Desinteresse am Gegenüber, sondern ein Nervensystem, das anders arbeitet.

Wenn Sie hochsensibel sind, kennen Sie dieses Gefühl vermutlich sehr genau: Noch bevor Sie abnehmen, spannt sich innerlich alles an. Ihr Körper reagiert schneller als Ihr Verstand. Und während andere längst im Gespräch sind, sind Sie noch dabei, sich überhaupt innerlich neu zu sortieren.

Dieser Text möchte erklären, warum das so ist. Ohne Beschönigung. Ohne Pathologisierung. Sondern mit Tiefe, Selbstreflexion und Respekt für die feinen Systeme, in denen Hochsensible leben.

 


Kaum Raum für reflektierte Reaktionen


Telefonate verlangen unmittelbare Präsenz. Eine Antwort jetzt. Reaktion im Moment. Entscheidungen ohne inneren Vorlauf.

Für hochsensible Menschen ist genau das ein Problem.

HSP verarbeiten Reize tief. Gedanken, Worte, Stimmungen und Zwischentöne werden nicht oberflächlich abgelegt, sondern innerlich bewegt, geprüft, gespürt. Reflexion benötigt Zeit; manchmal Sekunden, oft Minuten, gelegentlich mehr.

Das Telefon lässt diesen Raum nicht. Es duldet keine Pausen, keine stillen Denkbewegungen, kein bewusstes Abwägen. Schweigen wird schnell als Unsicherheit, Ablehnung oder Desinteresse interpretiert.

Was bleibt, ist der innere Konflikt:

  • Reagiere ich schnell, verliere ich mich selbst.

  • Reagiere ich ehrlich, bin ich zu langsam.

Dieser Druck ist für Hochsensible enorm. Und er ist einer der Hauptgründe, warum Telefonate als unangenehm empfunden werden.

 


Unberechenbarkeit als Nervensystem-Stressor


Ein Anruf ist ein offenes Feld.

Sie wissen nicht:

  • Worüber gesprochen wird

  • In welcher Stimmung Ihr Gegenüber ist

  • Welche Erwartungen im Raum stehen

  • Wie lange das Gespräch dauert

Für ein hochsensibles Nervensystem ist diese Unberechenbarkeit kein kleiner Makel, sondern ein echter Stressfaktor.

HSP reagieren stärker auf Unklarheit und Kontrollverlust. Spontane soziale Anforderungen aktivieren das sympathische Nervensystem: mit Impulsen für Kampf, Flucht oder Erstarrung.

Das Telefon ist genau das:

Ein akustischer Zugriff auf Ihre Aufmerksamkeit, ohne Vorwarnung, ohne Kontext, ohne Schutzraum.

 


Wenn Ausdruck an Tiefe verliert


Neurodivergente Menschen kommunizieren oft über Nuancen. Über wohlüberlegte Worte, über feine Bedeutungsverschiebungen, über das, was zwischen den Zeilen liegt.

Im Telefonat geht viel davon verloren. Es fehlen:

  • Gestik

  • Mimik

  • Zeit zum inneren Nachspüren

  • Berechenbarkeit

Was bleibt, ist die Stimme. Und der Druck, sie sofort richtig einzusetzen.

Viele HSP berichten, dass sie sich am Telefon weniger klar, weniger differenziert, weniger wahrhaftig ausdrücken können. Nicht, weil sie sprachlich schwach wären, sondern weil Tiefe Zeit beansprucht.

Texte, E-Mails oder auch Sprachnachrichten erlauben genau das:

  • Nachdenken

  • Überarbeiten

  • Spüren, ob es stimmig ist

Das Telefon hingegen zwingt zur Reduktion. Und diese Reduktion fühlt sich für Hochsensible oft wie ein innerer Verlust an.

 


Der Überrumpelungs-Effekt: brutal aus der inneren Welt gerissen


Besonders belastend ist der unerwartete Anruf.

Hochsensible Menschen sind oft tief in ihrer aktuellen Gedanken- oder Gefühlswelt verankert. Sie schreiben, denken, fühlen, gestalten, reflektieren. Diese Zustände sind keine Ablenkung vom Leben – sie sind das Leben.

Ein plötzlicher Anruf reißt sie heraus.

Nicht sanft. Nicht gleitend. Sondern abrupt.

Innerlich passiert Folgendes:

  • Der Fokus bricht ab

  • Das Nervensystem schaltet hoch

  • Orientierung muss sofort neu hergestellt werden

Während andere einfach »rangehen«, muss eine HSP in Sekunden einen vollständigen inneren Kontextwechsel vollziehen. Das kostet Energie. Viel Energie.

 


Schwierige Deutung in Echtzeit


Neurodiverse Personen und insbesondere Hochsensible sind Meister der Wahrnehmung. Allerdings nicht unter Zeitdruck.

Während eines Telefonats müssen Tonfall, Wortwahl, Pausen, emotionale Schwingungen und implizite Botschaften gleichzeitig erfasst und interpretiert werden. Und zwar sofort.

Das ist anspruchsvoll.

Bei Texten oder Sprachnachrichten verschiebt sich diese Arbeit zeitlich:

  • Die Nachricht kann mehrfach gelesen oder gehört werden

  • Die eigene Reaktion darf reifen

  • Missverständnisse werden schneller erkannt

Im Telefonat hingegen läuft alles live. Ohne Sicherheitsnetz.

Für HSP ist das keine soziale Schwäche, sondern ein Zeichen tiefer Verarbeitung.


 

Die lange Nachverarbeitung: unsichtbar, aber real


Das Gespräch ist beendet. Für andere ist die Sache erledigt.

Für Hochsensible beginnt jetzt oft erst die eigentliche Arbeit.

Gedanken kreisen:

  • Habe ich mich klar ausgedrückt?

  • War mein Ton passend?

  • Habe ich etwas übersehen?

  • Was hat das Gegenüber wirklich gemeint?

Diese Nachverarbeitung kann Minuten dauern oder Stunden.

Und sie kostet erneut Energie. Sie lenkt ab vom Alltag, vom kreativen Tun, vom eigenen Rhythmus.

Nicht, weil HSP dramatisieren. Sondern weil ihr System Informationen gründlich integriert.

 


Das Nervensystem als Schlüssel


Der entscheidende Unterschied zwischen hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen liegt nicht im Charakter, sondern im Nervensystem.

HSP besitzen ein feiner abgestimmtes Wahrnehmungssystem. Reize werden intensiver aufgenommen und langsamer herunterreguliert.

Spontane Telefonate bedeuten:

  • Hohe Reizdichte

  • Kaum Vorbereitungszeit

  • Soziale Erwartungen in Echtzeit

Das Nervensystem geht in Alarmbereitschaft.

Nicht aus Willkür. Sondern aus Schutz.

 


Aber telefonieren heute nicht alle weniger?


Ja, das stimmt.

Viele Menschen, auch nicht-hochsensible, empfinden Telefonate inzwischen als störend. Der Zeitgeist bevorzugt asynchrone Kommunikation.

Der Unterschied ist entscheidend:

Bei »Normal-Sensiblen«, also Neurotypischen, ist es meist eine Frage von Bequemlichkeit, Effizienz oder Kontrolle über die eigene Zeit.

Bei Hochsensiblen ist es eine Frage der inneren Regulation.

Nicht das Telefonieren selbst ist das Problem, sondern die Wirkung auf das Nervensystem.

 


Selbstachtung statt Selbstverurteilung


Wenn Sie Telefonate meiden, dürfen Sie aufhören, sich dafür zu rechtfertigen.

Sie sind nicht kompliziert.

Sie sind nicht unsozial.

Sie sind nicht schwach.

Sie sind fein.

Und feine Systeme benötigen andere Bedingungen, um klar, kraftvoll und wahrhaftig zu kommunizieren.

Vielleicht ist Ihre Stärke nicht das spontane Gespräch.

Vielleicht liegt Ihre Kraft im geschriebenen Wort.

Dann ist genau das Ihr Ort.

Und das reicht.

 

Sonnige Grüße

Tanja alias Wortfeger


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