Die Zeugin von Turicum
- Tanja Alexa Holzer

- 3. Juni
- 4 Min. Lesezeit
No. 6 – St. Felix und St. Regula: Eine literarische Kurzgeschichte über die Geschwister, die im alten Zürich für ihren Glauben starben, passend zu limitierten Wandbildern und Designs der Serie »Schweizergeschichte«.

Inspiriert von Meinrad Lienerts »Erzählungen aus der Schweizergeschichte« ist diese kurze Erzählung Teil meiner Serie »Schweizergeschichten«. Meinrads Werk dient mir als kreativer Kompass für meine Wandbilder, Designs und eigenen Erzählungen.
Kurzgeschichte hören
Lust auf Hören statt Lesen? Diese Geschichte wird von meiner digitalen Vorleserin Dalia präsentiert.
»St. Felix und St. Regula« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung hören:
Dieser Originaltext aus »Erzählungen aus der Schweizer Geschichte« (in antiker Buchform) war meine Inspiration für die Wandbilder und meine eigene Geschichte.
Meine Neuinterpretation der Schweizer Geschichte
Eine weibliche Stimme aus dem Schatten der Geschichtsschreibung:
Kurzgeschichte lesen
Das Wasser der Limmat war in dieser Nacht so kalt wie die Augen des Statthalters. Ich stand am Ufer, den wollenen Mantel tief in das Gesicht gezogen, und lauschte auf das gleichmäßige Klopfen meines eigenen Herzens. Es schlug zu schnell. Es schlug mit der feigen Angst einer Frau, die weiß, dass der Morgen Blut bringen wird.
Man hatte uns beigebracht, die Götter Roms zu fürchten. Wir opferten ihnen, um den Frieden zu wahren, um die Ernte zu sichern, um den Zorn des Himmels von unseren hölzernen Häusern in Turicum fernzuhalten. Doch die Götter Roms waren stumm. Sie forderten Rauch und Fett, aber sie gaben keinen Trost.
Und dann waren sie gekommen.
Felix und seine Schwester Regula. Sie trugen den Staub einer unendlichen Flucht auf ihren Sandalen, vertrieben aus der Pracht Roms, gejagt wie Tiere, nur weil sie an einen Gott glaubten, der kein Blut forderte, sondern Liebe.
Ich hatte Regula vor drei Monden das erste Mal am Ufer der Limmat gesehen. Sie wusch Tücher, und ihre Bewegungen hatten eine Ruhe, die mich magisch anzog. Als sie aufblickte und mich ansah, war kein Misstrauen in ihren Augen. Nur eine tiefe, unerschütterliche Klarheit. Später, in der Enge meiner Küche, hatte sie mir von ihrem Gott erzählt. Einem Gott, der die Schwachen erhob. Ich hatte an ihren Lippen gehangen, während mein Mann draußen mit den römischen Soldaten trank.
Nun war die Nacht der Entscheidung da. Decius’ Häscher hatten ihr Versteck umstellt.
Ich hatte eine Kammer vorbereitet, tief unter den Dielen unseres Schuppens. Ich hatte Brot hineingelegt und sauberes Wasser. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie in der Dunkelheit an den schlafenden Wachen vorbeizuschmuggeln. Ich hatte den Plan geschmiedet, mein Herz war bereit. Doch die Geschwister waren es nicht.
»Aurelia«, hatte Felix gesagt, als ich mich zu ihnen in die Kate stahl, den Atem keuchend vor Angst. Er hatte meine zitternden Hände in seine genommen. Sie waren warm. Unglaublich warm für jemanden, dessen Todesurteil bereits geschrieben war. »Deine Güte ist ein Licht in dieser Dunkelheit. Aber wir werden nicht kriechen. Wenn wir erneut fliehen, flieht auch die Wahrheit, die wir bringen.«
»Sie werden euch quälen, sie werden euch töten!«, hatte ich verzweifelt geflüstert, ein ersticktes Schluchzen im Hals. Ich sah zu Regula. Ich flehte sie mit den Augen an, von Frau zu Frau, von Schwester zu Schwester. »Regula, bitte. Turicum ist klein. Man wird euch vergessen. Geht in die Berge. Rettet euch.«
Regula trat einen Schritt vor. Sie lächelte. Es war kein heroisches Lächeln, kein hochmütiges Grinsen der Verachtung. Es war das Lächeln einer Mutter, die ihr Kind tröstet. Sie strich mir über die Wange, und ihre Hand hinterließ die Spur einer Sanftheit, die ich nie wieder vergessen sollte.
»Man vergisst das Licht nicht, Aurelia, nur weil man die Kerze ausbläst«, sagte sie leise. »Unser Weg endet nicht hier an der Limmat. Er beginnt erst. Wenn wir jetzt sterben, säen wir den Samen für das, was nach uns kommt. Hab keine Angst um uns. Hab Angst um jene, die glauben, dass man den Geist mit dem Schwert richten kann.«
Sie wiesen meine Hilfe zurück. Nicht aus Stolz, sondern aus einer Gewissheit heraus, die meinen Verstand überstieg. Sie wählten das Schafott, weil ihr Zeugnis lauter sprechen würde als jede Flucht.
Jetzt stehe ich hier am Flussufer. Der Osten färbt sich bereits in ein blasses, grausames Rot. Vorbei ist ihre Zeit der Qualen im dunklen Verlies. Die Soldaten marschieren auf. Ich höre das Klirren der Rüstungen, das dumpfe Dröhnen der Stiefel auf der Erde.
Gleich werden sie Felix und Regula zum Richtplatz führen. Ich werde in der Menge stehen. Ich werde nicht schreien, nicht weinen, um mich selbst nicht zu verraten. Aber ich werde hinsehen. Ich werde jeden Augenblick in meiner Seele einbrennen lassen.
Sie denken, sie könnten das Christentum auslöschen, indem sie die Geschwister köpfen. Sie wissen nicht, dass sie in diesem Moment den Grundstein für etwas legen, das diese Mauern überdauern wird. Regula hat mir ihren Glauben nicht aufgezwungen. Aber durch ihren Mut hat sie mir etwas gegeben, das mir niemand mehr nehmen kann: die Gewissheit, dass es etwas gibt, das größer ist als die Angst.
Die Sonne geht auf über Turicum. Und ich bin bereit, Zeugin zu sein.
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
Schweizergeschichte mit der Märtyrerseele von St. Felix und Regula als Wandbilder für Ihr Zuhause:
Glaubensbeil
Limitiertes Wandbild mit antiker Buchseite aus Meinrad Lienerts Buch, passend zur Legende von St. Felix und Regula.
Seelenbrot
Limitiertes Wandbild mit antiker Buchseite aus Meinrad Lienerts Buch, passend zur Legende von St. Felix und Regula.





