Der zerbrochene Schutzschild von Aventicum
- Tanja Alexa Holzer

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
No. 4.1 – Julia Alpinula: Eine literarische Kurzgeschichte über Verlust und das Recht zu sterben, passend zu limitierten Wandbildern der Serie »Schweizergeschichte«.

Inspiriert von Meinrad Lienerts »Erzählungen aus der Schweizergeschichte« ist diese kurze Erzählung Teil meiner Serie »Schweizergeschichten«. Meinrads Werk dient mir als kreativer Kompass für meine Wandbilder und eigenen Erzählungen.
Kurzgeschichte hören
Lust auf Hören statt Lesen? Diese Geschichte wird von meiner digitalen Vorleserin Dalia präsentiert.
»Die Römer in Helvetien« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung hören:
Dieser Originaltext aus »Erzählungen aus der Schweizer Geschichte« (in antiker Buchform) war meine Inspiration für die Wandbilder und meine eigene Geschichte. Gleiche Lesung wie in meiner Geschichte »Livia – Aquae Helveticae«:
Meine Neuinterpretation der Schweizer Geschichte
Eine weibliche Stimme aus dem Schatten der Geschichtsschreibung:
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Der Staub von Aventicum schmeckte nach Eisen und Abschied. Julia Alpinula kniete in der Stille ihres Gemachs, doch in ihren Ohren hallte noch immer das unbarmherzige Urteil des Aulus Caecina Alienus wider. Sie sah das kalte Licht auf der Klinge des Liktorenbeils vor sich; jenes Eisen, das die Verbindung zwischen ihrer Welt und der Ordnung der Väter mit einem einzigen Schlag zertrennt hatte.
Das Schweigen der Götter
Mein Vater, Julius Alpinus, war nicht nur ein Mann; er war der Pfeiler, an dem das Dach unseres Hauses und die Ehre unseres Volkes ruhten. Mit seinem letzten Atemzug fiel nicht nur ein Haupt, es fiel der Schutzwall meiner Existenz.
Ich hatte mich in den Staub vor dem Feldherrn geworfen. Ich hatte meine Stimme dargebracht, meine Tränen, mein eigenes Leben als Tauschpfand für das seine. Doch die römische Gerechtigkeit kennt kein Erbarmen, sie kennt nur Kalkül. Als das Blut meines Vaters den Boden tränkte, wurde ich in den Augen der Besatzer von einer stolzen Tochter zur Beute.
Die nackte Angst vor dem Morgen
Es war nicht allein der Gram, der wie bleierner Nebel in meine Lunge kroch. Es war das Wissen um das, was nun folgen würde. Ohne den Schutz eines Vaters, ohne die Würde seines Namens, war ich in dieser besetzten Stadt nichts weiter als ein Schatten.
Ich hörte das Lachen der Soldaten auf den Straßen, das Klirren ihrer Ausrüstung – ein Geräusch, das mir einst Sicherheit verhieß und nun wie das Wetzen von Messern klang. Ich sah die Blicke der Zenturionen, die bereits abschätzten, wie viel Gold mein Haar wert war oder wie gefügig mein Stolz gebrochen werden könnte.
»Ein Vogel ohne Nest gehört dem Wind«, dachte ich, »und eine Frau ohne Schutz gehört jedem, der die Hand nach ihr ausstreckt.«
Die letzte Freiheit
War es Suizid? Die Römer nannten es den »Ehrentod«, wenn das Schicksal keinen würdigen Ausweg mehr bot. Ich wählte den Trank aus den Kräutern, die im Schatten des Juras wachsen. Still, kühl und unumkehrbar.
Ich wollte meinen Körper nicht den Händen jener überlassen, die den Geist meines Vaters nicht hatten beugen können. Wenn sie mein Heim besetzten, meine Stadt knechteten und meine Zukunft raubten, so sollte doch die letzte Tür für sie verschlossen bleiben: die Tür zu meiner Seele.
Ich legte mich nieder, das Gesicht dem fernen Alpenkamm zugewandt, hinter dem die Götter meiner Ahnen wohnten.
Eine letzte Reflexion
In der Dämmerung meines Bewusstseins formte sich ein letzter Gedanke, eine bittere und doch befreiende Weisheit:
»Wer alles verliert, gewinnt die Macht, sich selbst zu entziehen. Härte kann das Leben beenden, aber nur die Stille kann die Schande verhindern.«
Ich ging nicht aus Schwäche. Ich ging, um die Tochter des Julius Alpinus zu bleiben, unberührt und unbesiegt. Das Gift war kein Feind, es war der letzte treue Diener, der mir die Freiheit wiedergab, die die Welt mir verweigert hatte.
Historischer Kontext: Die »Dignitas« und der Freitod in der Antike
In der römischen Gesellschaft, die das Leben im antiken Helvetien prägte, war der Tod weit mehr als ein biologisches Ende. Er war ein Instrument der Ehre. Für Angehörige der Oberschicht, wie die Familie des Julius Alpinus, stand die Dignitas (die Würde und das gesellschaftliche Ansehen) über der bloßen Existenz.
Der Freitod als letztes Recht: Wenn das Schicksal oder ein politisches Urteil die Würde eines Adligen unweigerlich zerstörte, galt der Freitod nicht als Akt der Verzweiflung, sondern als Zeichen höchster Selbstbeherrschung und Freiheit. Man entzog sich der Schande (Infamia) durch eine letzte, eigenbestimmte Tat.
Methoden der Wahl: In den vornehmen Häusern von Aventicum griff man in solchen Fällen zu Mitteln, die einen »ästhetischen« Abgang ermöglichten. Das Trinken von Gift (oft Extrakte aus dem Gefleckten Schierling oder dem Blauen Eisenhut) oder das Öffnen der Adern in einem warmen Bad waren verbreitete Wege, um den Übergang schmerzlos und gefasst zu gestalten.
Schutz vor Entwürdigung: Besonders für Frauen von hohem Stand war der Freitod oft die einzige Möglichkeit, sich dem drohenden Schicksal als Kriegsbeute oder der Versklavung zu entziehen. Wer ohne männlichen Schutz zurückblieb, galt im Chaos der römischen Bürgerkriege (wie jener Zeit um 69 n. Chr., in der Julia Alpinula lebte) faktisch als rechtlos.
Der Tod der Julia Alpinula ist somit nicht nur ein Zeugnis tiefer Trauer um ihren Vater, sondern auch ein letzter, stolzer Akt der Selbstbehauptung gegenüber einer Übermacht, die ihr alles andere bereits genommen hatte.
»Non est vitam tenere, sed libertatem.«
Es kommt nicht darauf an, am Leben festzuhalten, sondern an der Freiheit.
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
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