top of page

Adruina & der goldene Schnitt des Zweifels

Die keltische Misteldruidin: Eine literarische Kurzgeschichte über Götter und Macht, passend zu limitierten Wandbildern der Serie »Schweizergeschichte«.


Eine keltische Druidin erntet im dichten Urwald des alten Helvetien auf dem Etzelpass Misteln, viel Farn, verhangende Bäume, warmes Licht dringt durch den dunklen Wald - literarische Schweizer0geschichte Wortfeger Atelier
Adruina, die Misteldruidin: eine Kurzgeschichte der Serie »Schweizergeschichte«.

Inspiriert von Meinrad Lienerts »Erzählungen aus der Schweizergeschichte« ist diese kurze Erzählung Teil meiner Serie »Schweizergeschichten«. Meinrads Werk dient mir als kreativer Kompass für meine Wandbilder und eigenen Erzählungen.

 


Kurzgeschichte hören:


Lust auf Hören statt Lesen? Diese Geschichte wird von meiner digitalen Vorleserin Dalia präsentiert.

Am Ende dieses Beitrages hören Sie die Originalgeschichte »Weiteres von den Helvetiern« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung.

 



Kurzgeschichte lesen:

 

Der Nebel hing wie ungewaschene Wolle in den Eichenwipfeln hoch oben am Etzelpass, als Adruina die Sichel hob. Tief unter ihr glitzerte der Zürichsee wie ein vergessenes Schmuckstück im fahlen Licht, doch ihr Blick war nach oben gerichtet. Sie wartete, bis der Mond, dieses silberne Auge der Nacht, genau im richtigen Winkel durch das Geäst lugte. Nur dann besaßen die Misteln die Kraft, das Blut zu kühlen und den Geist zu weiten.

Adruina wusste es besser. Die Kraft lag nicht im Mondlicht, sondern in der Geduld, die man aufbrachte, während man darauf wartete.

»Sie müssen aus Gold sein, oder?« Eine Stimme polterte durch das Unterholz. Es war der Grundherr Eglo, ein Mann, dessen Bauchumfang nur noch von seinem Ego übertroffen wurde. Er war den steilen Pfad vom Seeufer heraufgekommen und keuchte schwer. »Die Beeren. Man sagt, für den Trank der Unbesiegbarkeit müssen sie im Feuer der Sonne geschmiedet wirken.«

Adruina schnitt einen Zweig mit einer fließenden Bewegung ab. »Werter Herr, das Feuer der Sonne brennt in der Pflanze, auch wenn es regnet. Aber was genau wollt Ihr eigentlich besiegen? Eure Feinde oder Eure Angst, dass man Euch vergisst?«

Der Grundherr stockte. »Ich ... ich brauche etwas für meine Autorität. Meine Pächter flüstern hinter meinem Rücken. Ich will, dass sie mich sehen und zittern.«

 


Die Mischung der Wahrheit


Zurück in ihrer Hütte, die am Übergang zum Einsiedler Hochtal stand und nach getrocknetem Beifuß roch, begann Adruina zu rühren. Sie warf keine seltenen Drachenschuppen in den Kessel, sondern zerrieb die Mistelbeeren mit Honig und einem Spritzer bitterem Wermut.

»Die Götter geben uns die Zutaten«, murmelte sie, während die Flammen des Herdfeuers tanzten, »aber das Rezept schreiben wir mit unserem Charakter.«

Sie reichte Eglo einen kleinen Tonbecher. »Trinkt dies morgen beim ersten Strahl der Sonne, wenn sie über den Berggipfeln aufsteigt. Aber seid gewarnt: Die Medizin wirkt nur, wenn Ihr beim Trinken an das denkt, was Ihr am meisten an Eurem ärmsten Knecht bewundert.«

 


Die Überraschung im Morgengrauen


Drei Tage später kehrte Eglo zurück. Er sah nicht furchteinflößender aus. Er wirkte müde, seltsam ruhig.

»Und?«, fragte Adruina, während sie ihre Sichel an einem Stein schärfte. »Zittern sie?«

»Nein«, sagte Eglo und setzte sich ungewohnt schwerfällig auf die Holzbank vor ihrer Tür, den Blick zurück ins Tal gerichtet. »Ich habe an den alten Melker gedacht. Ich bewundere, wie er mit den Kälbern spricht. Also habe ich auch angefangen zu reden, statt nur zu brüllen. Die Leute zittern nicht mehr. Sie ... sie haben mir gestern einen Korb Äpfel gebracht. Einfach so.«

Er sah sie misstrauisch an. »Was war in diesem Zaubertrank, Druidin?«

Adruina lächelte weise, fast spitzbübisch. »Misteln, Honig und die bittere Erkenntnis, dass Macht eine Illusion ist, die durch das Feuer der Eitelkeit genährt wird. Die Götter schenken uns das Licht, damit wir sehen, wer vor uns steht – nicht, damit wir andere blenden.«

Eglo musterte sie verständnislos, dann drehte er sich wortlos um. Er schritt stumm den Passweg hinunter Richtung See. Er hatte nicht die Unbesiegbarkeit gefunden, die er suchte, aber er hatte etwas weitaus Gefährlicheres, Unberechenbares entdeckt: Menschlichkeit.

Adruina betrachtete ihre Sichel. Sie war aus Eisen, nicht aus Gold. Gold war zu weich zum Schneiden. Genau wie ein Herz, das nur aus Stolz bestand, zu weich war, um das Leben wirklich zu meistern.

 

Sonnige Grüße

Tanja alias Wortfeger

 

»Weiteres von den Helvetiern« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung hören:

Dieser Originaltext aus »Erzählungen aus der Schweizer Geschichte« (in antiker Buchform) war meine Inspiration für die Wandbilder und meine eigene Geschichte.




limitiertes Wandbild: Adruina, die Misteldruidin - Eine Frauch hält Mistelzweige gegen das Licht, das durch den Schweizer Urwald einbricht, Rückenansicht, mit Buchdesign aus Meinrad Lienerts Werk "Erzählungen aus der Schweizer Geschichte" - Wortfeger Atelier

Adruina, die Misteldruidin

limitiertes Wandbild zu dieser Erzählung


Hier Details ansehen:



Adruina, die Misteldruidin (2) | Wandbild mit antikem Buchdesign
€136.00
Jetzt kaufen
Sonnengöttin Helvetia | Wandbild mit antikem Buchdesign | Schweizergeschichte
€136.00
Jetzt kaufen

bottom of page