Aina: Der Faden zwischen den Welten
- Tanja Alexa Holzer

- 20. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Jan.
Eine literarische Kurzgeschichte über ein Pfahlbauermädchen am Zürichsee, passend zu limitierten Wandbildern der Serie »Schweizergeschichte«.

Inspiriert von Meinrad Lienerts »Erzählungen aus der Schweizergeschichte« ist diese kurze Erzählung Teil meiner Serie »Schweizergeschichten«. Meinrads Werk dient mir als kreativer Kompass für meine Wandbilder und eigenen Erzählungen.
Kurzgeschichte hören:
Lust auf Hören statt Lesen? Diese Geschichte wird von meiner digitalen Vorleserin Dalia präsentiert.
Am Ende dieses Beitrages hören Sie die Originalgeschichte »Die Pfahlbauten« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung.
Kurzgeschichte lesen:
Das Netz aus Wolle und Schatten
Die Luft über dem See war so klar, dass die Glarner Alpen wie frisch geschlagene Feuersteine am Horizont glänzten. Aina saß auf der hölzernen Schwelle der elterlichen Hütte. Unter ihren Füßen gluckste der Zürichsee gegen die Pfähle, ein Rhythmus so stetig wie ihr eigener Herzschlag.
In ihren Händen hielt sie das schwere Jagdgewand des Vaters. Es roch nach altem Rauch, nach Schweiß und nach der Welt da draußen. Mit einer Nadel aus Knochen zog sie einen Faden aus Schafwolle durch den groben Stoff.
Der Ruf des Waldes
Ihr Blick wanderte immer wieder nach oben, dorthin, wo der Pfannenstiel in einem tiefen, fast schwarzen Grün in den Himmel ragte. Heute Morgen war ihr Bruder Turo mit den Männern dorthin aufgebrochen. Sie hatten ihre Speere mit den scharfen Hirschhornspitzen getragen und ihre Gesichter mit Ruß bemalt.
»Der Wald ist kein Ort für Träumerinnen«, hatte Turo gesagt und gelacht. »Dort regieren der Bär und der Luchs. Bleib du beim Feuer, Aina.«
Aina stach die Nadel in den Stoff. War sie zart? Vielleicht. Aber während die Männer laut polternd in das Unterholz eindrangen, beobachtete sie die Stille. Sie wusste, dass die Gefahr nicht nur laut brüllte; sie schlich auf weichen Pfoten.
Ein Traum in Weiß
Sie schloss kurz die Augen. Sie träumte nicht von der Jagd. Sie träumte von der kleinen weißen Ziege, die im Stall des Nachbardorfes geboren worden war. Ihr Vater hatte versprochen, sie gegen drei polierte Steinbeile einzutauschen.
Die Ziege war für Aina ein Versprechen. Ein Tier, das sie zähmen würde, mitten in dieser ungezähmten Welt. Es war ihr Weg, dem Wald etwas entgegenzusetzen: nicht durch den Tod eines Tieres, sondern durch das Leben mit ihm.
Reflexion am Wasser
Ein Schatten huschte über das Wasser: ein Rotmilan, der in der Thermik kreiste. Aina hielt inne. Sie spürte die Spannung zwischen dem schützenden Nest ihrer Pfahlbausiedlung und der unendlichen Wildnis der Berge.
Sie nähte nicht nur ein Kleidungsstück. Aina webte an ihrer eigenen Sicherheit. Jeder Stich war eine Versicherung gegen die Kälte, gegen die Angst. Sie verstand jetzt, dass Stärke viele Gesichter hatte. Turo brauchte den Speer, um sich groß zu fühlen. Sie brauchte nur diesen Faden und die Geduld, auf die Rückkehr derer zu warten, die glaubten, den Wald bezwingen zu können.
Als die Sonne tiefer sank und den Säntis in ein glühendes Orange tauchte, sah sie die ersten Einbäume auf dem See. Die Jäger kehrten heim. Aina legte das fertige Gewand beiseite. Sie war bereit – für die Geschichten der Männer und für die Stille ihrer eigenen Träume.
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
»Die Pfahlbauten« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung hören:
Dieser Originaltext aus »Erzählungen aus der Schweizer Geschichte« (in antiker Buchform) war meine Inspiration für die Wandbilder und meine eigene Geschichte.
Diese Wandbilder mit antiker Buchkunst gehören zu Meinrad Lienerts und meiner Erzählung:








