Das Rauchopfer von Tuggen

No. 8 – Eine literarische Kurzgeschichte über heidnischen Götterglauben und die Christianisierung; passend zu limitierten Wandbildern und Designs der Serie »Schweizergeschichte«.

Inspiriert von Meinrad Lienerts »Erzählungen aus der Schweizergeschichte« ist diese kurze Erzählung Teil meiner Serie »Schweizergeschichten«. Meinrads Werk dient mir als kreativer Kompass für meine Wandbilder, Designs und eigenen Erzählungen.
Kurzgeschichte hören
Lust auf Hören statt Lesen? Diese Geschichte wird von meiner digitalen Vorleserin Dalia präsentiert.
»St. Fridolin, St. Kolumban & St. Gallus« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung hören:
Meine Neuinterpretation der Schweizer Geschichte
Eine weibliche Stimme aus dem Schatten der Geschichtsschreibung:
Der Duft von getrocknetem Beifuß, Schafgarbe und feuchter Erde lag noch in den Falten ihres Gewandes, als der Rauch den Himmel über dem See schwarz färbte.
Sunna stand am Ufer des oberen Zürichsees. Das Wasser, sonst ein ruhiger, spiegelnder Schoß, kräuselte sich unter einem kalten Wind. Seit Generationen hatten die Menschen von Tuggen hier getreulich das Trankopfer dargebracht. Sie brachten Meth, Bier und das erste Getreide der Ernte, um Wotan und die Geister des Waldes für die Wende des Jahres milde zu stimmen. Es war kein starrer Glaube, sondern ein Atmen mit der Natur: Wer der Erde etwas nahm, musste ihr auch etwas zurückgeben. Sunna kannte jeden Stein am Ufer, wusste, welche Wurzeln das Fieber kühlten und wie man den Flussgeistern Respekt erwies.
Doch die Fremden fragten nicht nach dem Gleichgewicht.
Sie waren zu dreizehnt gekommen. Männer mit geschorenen Schädeln, in grobe, dunkle Kutten gehüllt, die Augen voll von einem fiebrigen, entschlossenen Licht. Ihr Anführer, Kolumban, trug das Holzkreuz wie eine Waffe. Sunna hatte den Moment mit angesehen, als er mit nur einer einzigen, verächtlichen Handbewegung den großen Opferkessel umstieß. Der kostbare Sud, mit gebeteten Wünschen gebraut, ergoss sich wie dunkles Blut in die Kiesel.
Dann brannte der Tempel.
Die Flammen bissen gierig in das alte, moosbedeckte Holz des Heiligtums. Wo jahrhundertelang Stille, Kerzenschein und das leise Flüstern der Ahnen gewohnt hatten, herrschte nun das Prasseln der Zerstörung. Die Männer in den Kutten sangen dazu. Fremde Worte, hart und rhythmisch, um den Lärm des Feuers zu übertönen. Sie nannten es die Erleuchtung der Heiden, sogar Heil.
Sunna spürte eine tiefe, schmerzhafte Kälte in ihrer Brust. Um sie herum schrien die Dorfbewohner, ergrimmt, voller Entsetzen über die Entweihung. Sie fürchteten den Zorn der alten Götter, dass die Ernte verfaulen, der Regen ausbleiben und die Kälte sie alle holen würde. Auch in Sunna zog sich das Herz zusammen. Aber es war nicht nur die Angst vor dem Zorn Wotans. Tiefe Trauer ergriff sie, über eine Feinfühligkeit, die gnadenlos in Rauch aufging. Der Respekt vor dem, was gewachsen war, wurde niedergebrannt, um Platz für ein einzelnes, absolutes Wort zu schaffen.
Während das Feuer die Statuen verschlang und die Männer von Tuggen die Fremden mit Stöcken und Steinen verjagten, blieb Sunnas Blick an Kolumban hängen.
Er wich nicht zurück. Selbst als Steine flogen und die Drohungen der Dorfbewohner die Luft zerrissen, lag eine erschreckende, fast Ehrfurcht gebietende Ruhe in den Zügen des Fremden. Er fürchtete weder das Feuer noch den Tod. Woher nahm ein Mensch eine solche Unerschütterlichkeit? Was für eine Kraft wohnte diesem neuen Gott inne, dass Männer ihr Land verließen, um in fremden Wäldern Steine umzustürzen und das Feuer zu suchen?
Sie schaute auf ihre Hände, an denen noch die Reste zerriebener Heilkräuter klebten. Die Fremden zogen weiter, verjagt und doch ungebrochen, in Richtung Arbon.
Sie hatten den Tempel verbrannt, ja. Aber als Sunna sich niederkniete und mit den Fingerspitzen in die kühle, nasse Erde griff, wusste sie etwas, das die Fremden in ihrem Eifer nicht verstanden hatten: Die Wurzeln reichen tiefer als jedes Fundament aus Holz. Man kann ein Gebäude niederbrennen und ein Gefäß zerschlagen. Aber den Wind, den Regen und die wilde Kraft der Erde kann man nicht bekehren. Sie bleiben. Und solange eine Frau am Ufer steht und die Sprache der Pflanzen kennt, geht das alte Wissen niemals ganz verloren.
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
Schweizergeschichte als Wandbild mit antiker Buchkunst aus Meinrad Lienerts Original für Ihr Zuhause:
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