Das leise Reich im Stein
- Tanja Alexa Holzer

- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
No. 7 – Eine literarische Kurzgeschichte über die Stärke des Moments und den unbedingten Willen, durchzuhalten; passend zu limitierten Wandbildern und Designs der Serie »Schweizergeschichte«.

Inspiriert von Meinrad Lienerts »Erzählungen aus der Schweizergeschichte« ist diese kurze Erzählung Teil meiner Serie »Schweizergeschichten«. Meinrads Werk dient mir als kreativer Kompass für meine Wandbilder, Designs und eigenen Erzählungen.
Kurzgeschichte hören
Lust auf Hören statt Lesen? Diese Geschichte wird von meiner digitalen Vorleserin Dalia präsentiert.
»Die Alemannen, Burgunder und Franken« von Meinrad Lienert als ruhige Lesung hören:
Meine Neuinterpretation der Schweizer Geschichte
Eine weibliche Stimme aus dem Schatten der Geschichtsschreibung:
Das kühle Dunkel der dicken Steinmauern hielt den Sommer vor der Tür. Draußen versengte die Juli-Sonne die mageren Hangwiesen, doch hier drinnen, im Schatten der mächtigen Granitquader, roch es nach trockenem Moos, kalter Asche und Muttermilch. Der Raum war klein, kaum mehr als eine Höhle aus gestapeltem Felsen, tief in die Flanke des Berges gebaut, verborgen vor den Blicken derer, die dem Talweg folgten.
Sina saß auf der niedrigen Holztruhe, das Kreuz fest an die raue Wand gepresst. An ihrer Brust lag das Kleinste. Es trank ruhig, gierig fast, den Blick verloren in der Dunkelheit ihres Obergewands. Am Boden, mitten im Staub des gestampften Lehmbodens, hockten die zwei Älteren. Sie bauten Häuschen aus getrockneten Kiefernzapfen. Kein Lachen drang über ihre Lippen, kein lauteres Klappern. Sina brauchte ihnen die Hand nicht mehr auf den Mund zu legen; die Kinder hatten gelernt, die Stille wie eine zweite Haut zu tragen.
Durch die schmale Schießscharte, die kaum breiter als eine Handfläche war, drang nicht nur das grelle Mittagslicht, sondern auch das Geräusch: Ein dumpfes, rhythmisches Stampfen. Das Klirren von Eisen auf Eisen. Das Scharren von Stiefeln auf dem Geröll. Fremde Stimmen, harte und kehlige Laute, die Sina nicht verstand. Mal klangen sie rau und schwer wie rollender Kies – die Männer aus dem Norden, die Alemannen. Dann wieder fließender, melodischer, doch nicht minder fremd – die Leute aus dem Westen, die Burgunder.
Sie zogen vorbei. Das Tal war zur Straße der Völker geworden. Truppen drängten nach Süden und Osten, Kriegsvölker kreuzten die alten Pfade der Helvetier, stießen gegeneinander, forderten Land, forderten Rausch, forderten Brot.
Sina schloss die Augen und atmete langsam aus. Der Duft des Säuglings an ihrem Hals war warm und süß. Er war ihr Anker.
Oben auf den hohen Matten war ihr Mann. Oder das, was womöglich von ihm geblieben war. Seit drei Monden war er fort, als die Männer des Dorfes zusammengerufen wurden, um die Pässe zu verteidigen. Kein Botenläufer war gekommen, kein Wort hatte sie erreicht. Ist er noch am Leben? Schaut er in dieselbe Sommersonne? Oder ruht er längst unter einer dünnen Schicht Bergland, getreten von den Hufen fremder Rosse?
Sina wusste es nicht. Sie durfte nicht darüber nachdenken. Die Ungewissheit war wie ein Abgrund, der vor ihren Füßen klaffte. Wenn sie hineinsah, zog er sie hinab in eine Lähmung, die sie kannte und sich jetzt nicht leisten konnte.
Der Blick wanderte hinüber zum leeren Verschlag an der Rückwand der Hütte. Wo noch im Frühjahr das vertraute Meckern der Ziegen zu hören gewesen war, herrschte nun feuchte Stille. Erst waren es die Truppen des ersten Heereszuges gewesen, die ihr die zwei Widder nahmen. Dann, vor vier Wochen, kamen die Nachzügler. Sie hatten nicht einmal verhandelt. Sie hatten das Messer gezogen, den Strick der braunen Geiß durchschnitten und waren davonmarschiert. Mit ihr, der sanften Ziege, die Tag für Tag treu die Milch für die Kinder gegeben hatte. Zurück blieb nur ein blutiger Fleck im Gras und das Weinen der Kinder.
Keine Tiere mehr. Keine Vorräte außer einem halben Sack Dörrobst und dem Rest Buchweizen im Tontopf. Was würde werden, wenn der Herbst die Blätter von den Lärchen brannte? Wie sollte sie die drei kleinen Seelen durch den Eiswind bringen, der bald wieder von den Gletschern heruntergreifen würde?
Ein lauter Ruf schallte von draußen heran. Ein Pferd wieherte schrill. Sina spürte, wie das Kleinkind an ihrer Brust kurz innehielt, die kleinen Finger krampfhaft in den Stoff ihres Kleides krallte. Die beiden Älteren erstarrten mitten in der Bewegung. Der Größere hielt einen Zapfen in der Luft, der Blick starr auf die Türöffnung gerichtet, die nur von einer schweren Flechtmatte verhängt war.
Sina atmete ein. Eins. Zwei. Drei.
Sie zwang die Unruhe in ihrem Herzschlag nieder. Kinder spüren das Blut der Mutter. Wenn sie bebte, würden auch sie beben. Sie beugte sich ein wenig vor, legte die freie Hand sanft auf den Rücken des Mittleren und lächelte ihn an. Ein winziges, ruhiges Lächeln. Nur für ihn.
Der Junge atmete leise aus und setzte den Zapfen behutsam auf den Boden.
Das Eisenklirren draußen wurde schwächer. Es entfernte sich, verlor sich im Rauschen des Wildbachs, der ungestüm und unberührt vom Lärm der Menschen dem Tal entgegenstürzte.
»Ich kann die Welt da draußen nicht halten«, dachte Sina und strich mit den Fingerspitzen über die weiche Wange ihres Säuglings. »Ich kann die Truppen nicht wenden, ich kann die Kriege der Männer nicht heilen und nicht wissen, was das Morgen bringt. Aber diesen Raum, ja, diesen winzigen Raum aus kühlem Stein, den kann ich halten.«
Sie beschloss, nicht an den nächsten Winter zu denken. Nicht an das morgige Brot. Nicht an das Schicksal ihres Mannes auf den Pässen. Das Morgen würde seine eigene Last tragen. Was zählte, war dieser eine Herzschlag. Das ruhige Saugen des Kindes. Das friedliche Spiel der Kleinen auf dem Boden. Das kühle Dunkel, das sie beschützte.
Ihre Hand tastete nach der Wand. Der Granit war rau, steinhart und uralt. Dieser Berg stand schon hier, bevor die ersten Menschen Namen für die Täler erfanden, und er würde noch stehen, wenn das Klirren der Helmzieren längst im Staub zerfallen war. Die Welten kamen und gingen, Herrscher sprachen neu und fremd, doch die Mütter blieben am Feuer sitzen, nährten das Leben und trugen die Stille durch den Sturm.
Sina lehnte den Kopf zurück an den Felsen. Sie gab ihren Kindern das Einzige, was ihr geblieben war, aber es war das Einzige, was jetzt zählte: den Frieden dieses Augenblicks.
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
Schweizergeschichte als Wandbilder mit antiker Buchkunst aus Meinrad Lienerts Original für Ihr Zuhause:





