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Die Freiheit der wilden Disteln

Meine literarische Kurzgeschichte zur Reizwortaufgabe aus dem interaktiven Schreibjournal »Ungezähmt – 30 Reizwortaufgaben über Frauen, die sich selbst gehören«.


Blühende Distel zur literarischen Reizwortgeschichte  zum Schreibbuch »Ungezähmt« Wortfeger Atelier
Schönheit braucht keine Erlaubnis ...

Manchmal braucht es nur fünf Worte, um eine ganze Welt aufzuspannen. Für den heutigen Beitrag habe ich mich an eine besondere Reizwortaufgabe gewagt. Sie stammt aus dem Buch »Ungezähmt – 30 Reizwortaufgaben über Frauen, die sich selbst gehören«.

Die Herausforderung? Eine Geschichte zu weben, in der die Begriffe Rückblick, Morgengrau, Meldepflicht, Abstand und Kiesweg vorkommen – und dabei einer Frau eine Stimme zu geben, die sich von nichts und niemandem bändigen lässt. Hier ist mein Ergebnis:


 

Das Morgengrau in meinem Garten hatte diese spezielle Farbe von unfertigen Entscheidungen: ein milchiges Grau, das die Welt noch einmal schlafen schickt. Ich stand barfuß auf der Veranda, den kalten Kaffee in der Hand, und beobachtete eine Nebelkrähe, die sich einen Teufel um Etikette scherte. Sie war wie ich: Sie gehörte nur sich selbst.

Mein Leben war lange Zeit eine Aneinanderreihung von Formularen gewesen. Man hatte mir beigebracht, dass für alles eine Meldepflicht bestehe – für den Wohnsitz, für die Liebe, für die Zweifel. Doch wer meldet eigentlich den Moment an, in dem man beschließt, dass man keinem anderen mehr gehört als dem eigenen Atem? Ich hatte das Formular für die »allgemeine Angepasstheit« einfach nie ausgefüllt.

Ich trat hinunter auf den Kiesweg, und das Knirschen unter meinen Füßen klang wie eine kleine Rebellion gegen die Stille. Ein kurzer Rückblick auf die letzten Jahre genügte mir: Ich sah Gesichter von Männern, die mich »zähmen« wollten, als wäre ich ein störrisches Pony. Und von Beamten, die meine Wildnis in Zeilen und Spalten pressen wollten. Ich lächelte. Sie hatten alle den gleichen Fehler gemacht. Sie dachten, Wildheit sei ein Mangel an Disziplin. In Wahrheit ist sie eine höhere Form der Loyalität – sich selbst gegenüber.

Ich hielt inne und betrachtete die Disteln am Wegrand. Sie hielten gebührenden Abstand zu den gepflegten Rosen des Nachbarn. Nicht aus Schüchternheit, sondern weil sie wussten, dass Schönheit keine Erlaubnis braucht und Stacheln manchmal die beste Form der Höflichkeit sind.

Man sagt, Weisheit käme mit dem Alter. Ich glaube, sie kommt in dem Moment, in dem man aufhört, um Erlaubnis zu fragen, man selbst zu sein.

Die Sonne brach nun durch den Nebel. Ich würde heute nichts melden, nichts erklären und niemanden um Rat fragen. Ich würde einfach nur den Kies unter meinen Füßen spüren und der Krähe zunicken. Denn wer sich selbst gehört, hat niemals Heimweh.


 

Sonnige Grüße

Tanja alias Wortfeger

 

Ein kleiner Nachtrag: Auch wenn ich mich beim Schreiben dieser Zeilen selbst teilweise ungezähmt gefühlt habe, ist die Protagonistin dieser Geschichte rein fiktiv. Sie steht sinnbildlich für jenen Teil in uns allen, der keine Formulare braucht, um einfach nur zu sein.


Diese Geschichte können Sie auch als ruhige Lesung anhören:




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