Der fremde Blick: Warum wir verlernen müssen, was »hässlich« ist
- Tanja Alexa Holzer

- vor 13 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Meine Gedanken zum Buch »Hässlichkeit« von Moshtari Hilal.

Haben Sie sich heute Morgen im Spiegel betrachtet? Und falls ja: Mit wessen Augen haben Sie das getan?
Ich habe gerade die Lektüre von Moshtari Hilals Buch »Hässlichkeit« beendet. Es ist keine leichte Kost, aber eine notwendige. Hilal legt darin Schicht für Schicht frei, wie tief das Diktat der Schönheit in unserem kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist. Nach der letzten Seite bleibt eine Erkenntnis, die ebenso erschreckend wie befreiend ist: Das, was wir als »hässlich« empfinden, ist selten ein Naturgesetz. Es ist ein Konzept, ein Machtinstrument.
Das Diktat der Gesellschaft
Wir denken oft, unser ästhetisches Empfinden sei individuell. Doch Hilal macht deutlich: Wir denken mit dem »fremden Blick«. Hässlichkeit ist ein ungeschriebenes Gesetz, eine soziale Konstruktion, die dazu dient, Normen zu festigen und das »Andere« auszugrenzen. Es sitzt so tief in uns, dass wir uns oft wehrlos fühlen. Wir haben die Bewertungsmaßstäbe einer Gesellschaft übernommen, die Perfektion mit Wert gleichsetzt.
Die Flucht vor der eigenen Vergänglichkeit
Besonders spannend finde ich Hilals These zur Sterblichkeit: Wir assoziieren Hässlichkeit oft mit Alter, Krankheit, Verfall und dem Tod. In einer optimierten Welt flüchten wir vor allem, was uns an unsere eigene Vergänglichkeit erinnert: Falten, Flecken, Asymmetrien. Sie sind Vorboten dessen, was wir am liebsten verdrängen würden.
Doch was passiert, wenn wir aufhören zu flüchten? Wenn wir die Vergänglichkeit nicht als Makel, sondern als natürlichen, ja sogar befreienden Prozess des Lebens anerkennen? Liegt nicht eine ungeheure Kraft darin, sich dem Diktat der ewigen Jugend zu entziehen?
Die Kraft der Frauen und das Erbe des Patriarchats
Ein Aspekt, der mich besonders bewegt hat, ist die Rolle der Frau in diesem Gefüge. Über Jahrhunderte wurde uns suggeriert: Sei schön, dann wirst du ein schönes Leben haben. Diese Koppelung von Aussehen und Existenzberechtigung ist ein tief sitzendes Werkzeug des Patriarchats. Frauen wurden darauf getrimmt, zu gefallen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu sichern.
Sich davon freizumachen, bedeutet nicht nur, ein neues Schönheitsideal zu finden. Es bedeutet, die eigene Kraft zurückzuerobern und den Wert des eigenen Seins vom Urteil anderer zu entkoppeln.
Das Paradox der Schönheit: Die Diktatur des Durchschnitts
Ein besonders entlarvender Aspekt, den Hilal beschreibt, ist die wissenschaftliche Herkunft unserer Schönheitsideale. Forscher legten tausende Bilder von Gesichtern übereinander. Das Ergebnis? Das Gesicht, das durch die Übereinstimmung aller Merkmale entstand, wurde von Probanden als am schönsten empfunden.
Fazit: Schönheit ist also im Grunde nichts anderes als der absolute Durchschnitt.
Das ist die Ironie unserer Zeit: In einer Gesellschaft, in der wir alle nach Individualität streben und »besonders« sein wollen, jagen wir einem Ideal nach, das die totale Nivellierung darstellt. Jedes Mal, wenn wir durch soziale Medien scrollen und Gesichter »scannen«, verstärken wir diesen Algorithmus des Durchschnitts in unserem eigenen Kopf. Wir trainieren unser Gehirn darauf, das Besondere, das Charakterstarke und das Abweichende als »hässlich« oder »störend« zu empfinden, weil es nicht dem mathematischen Mittelwert entspricht.
Wer kann sich diesem Mechanismus entziehen? Es ist fast unmöglich, sich dem Scannen zu verschließen, aber wir können uns bewusst machen: Wenn wir Schönheit anstreben oder bevorzugen, so jagen wir oft nur der Austauschbarkeit hinterher.
Eine Einladung zur Selbstreflexion
Die Lektüre war für mich eine nachdrückliche Einladung, meine eigene Sichtweise kritisch zu prüfen. Deshalb gebe ich heute diese Fragen an Sie weiter:
Was finden Sie schön? Und warum eigentlich?
Was empfinden Sie als hässlich? Ist es ein echtes Gefühl oder die Stimme eines gesellschaftlichen Urteils?

Sich auf diese Reflexion einzulassen, erfordert Offenheit und vielleicht auch Mut. Doch hinter dem Unbehagen wartet eine enorme Freiheit. Es ist die Freiheit, die Welt, und sich selbst, endlich mit den eigenen Augen zu sehen.
Das Buch »Hässlichkeit« von Moshtari Hilal, erschienen im Carl Hanser Verlag, ist auf jeden Fall einen Kauf wert.
Wie stehen Sie dazu? Wie oft bewerten Sie sich selbst durch den »fremden Blick«? Ich freue mich auf Ihre Gedanken in den Kommentaren.
Sonnige Grüße
Tanja alias Wortfeger
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