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Der Tag, an dem der Kaffee wartete

  • Autorenbild: Tanja Alexa Holzer
    Tanja Alexa Holzer
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Eine literarische Kurzgeschichte über Erwartungen, das Ja-Sagen und People-Pleasing.


Eine Fliege sitzt auf dem Rand einer Porzellantasse, die wiederum auf einem Holztisch vor einem Fenster steht. Kurzgeschichte über People-Pleasing, das Gute-Tochter-Syndrom und den ewigen Verrat an den eigenen Bedürfnissen, Blog Wortfeger Atelier

Kurzgeschichte hören statt lesen:



Kurzgeschichte lesen:


Der Nebel war eigentlich immer da gewesen. Clara hatte sich an ihn gewöhnt. Er war weder kalt noch nass, er war einfach ein sanftes, graues Wattemeer, das die Konturen ihrer eigenen Wünsche so weichzeichnete, dass sie sie heute überhaupt nicht mehr wahrnahm.


Seit fünfundvierzig Jahren bewegte sich Clara durch diesen Nebel. Darin navigierte sie mit einer Perfektion, die ihr im Außen viel Lob einbrachte. Sie war die Tochter, die jeden Sonntag anrief und die spitzen Bemerkungen der Mutter weglächelte. Sie war die Kollegin, die ein »Kannst du mal eben?« mit einem Nicken quittierte, während ihr eigener Magen sich zusammenzog. Und die Ehefrau, die die Ferien dort verbrachte, wo das Meer wild war, obwohl sich ihr eigenes Herz nach den stillen Wäldern sehnte.


Clara war eine Meisterin darin, die stillen Erwartungen der Welt von den Augen abzulesen, noch bevor sie ausgesprochen wurden. Es war ihr persönlicher Schutzschirm. Wenn alle zufrieden waren, fühlte sie sich sicher. Dachte sie.


Der Nebel lichtete sich an einem unscheinbaren Dienstag im Mai. Nicht aufgrund eines Autounfalls, weder ein runder Geburtstag noch ein Schicksalsschlag halfen nach. Es war eine Kaffeetasse.


Clara saß am Küchentisch. Das Licht der Morgensonne brach sich im Fenster und malte helle Streifen auf das Holz. Neben ihr summte das Smartphone. Eine Nachricht von ihrer Schwester: »Du, ich brauche am Samstag dein Auto. Und könntest du vielleicht abends auf die Hunde aufpassen? Wir wollen spontan weg.«

Claras Hand schwebte über der Tastatur. Ihre Finger bewegten sich beinahe mechanisch, gesteuert von einem fünfundvierzig Jahre alten Autopiloten. »Klar, kein Problem! Mach ich gerne«, tippte sie.


In diesem Moment flog eine Fliege tief über den Tisch und landete am Rand ihrer Porzellantasse. Clara hielt inne. Sie blickte auf das Display, ihr Blick huschte auf zur Fliege, dann hinab auf ihre Finger.


Und plötzlich spürte sie es. Es war, als würde ein eiskalter Windstoß den Nebel in Sekundenschnelle wegpusten. Erbarmungslos.


Ein stechender Schmerz zog sich durch ihre Brust, gefolgt von einer bleiernen, unendlichen Müdigkeit. Es war kein »Gerne«. Nein, das war eine Lüge. Am Samstag wollte sie seit Monaten das erste Mal wieder zu einem Malkurs fahren. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut. Zeit für sich selbst, für ihre schlummernde Kreativität.


»Warum tust du das?«, flüsterte eine Stimme in ihr, die so leise war, dass Clara sie fast überhört hätte. Es war die Stimme des kleinen Mädchens, das damals gelernt hatte, es sei nur dann wertvoll, wenn es keine Umstände machte. Die »gute Tochter«, die funktionierte. Heute war sie eine Frau, die ihre eigene Sicherheit darin suchte, das Leben der anderen reibungslos zu gestalten.

Clara sah auf die Nachricht. Sie spürte, wie der Druck im Außen anklopfte. Fordernd. Selbstverständlich. Die Erwartung ihrer Schwester, die wie eine unsichtbare Hand nach ihrem Samstag griff. Wenn sie »Nein« schrieb, würde unweigerlich Enttäuschung folgen. Vielleicht eine beleidigte Bemerkung. Ein Konflikt womöglich. Ihr Nervensystem schlug augenblicklich Alarm, der alte Fluchtreflex setzte ein.

Clara löschte die bereits getippte Antwort nicht. Sie drückte aber auch nicht auf »Senden«.


Mit einer ruhigen, bestimmten Bewegung legte sie das Handy beiseite. Mit dem Display nach unten.


Clara atmete ein. Tief in den Bauch, dorthin, wo es eng war. Sie spürte den hölzernen Stuhl unter sich, ihre Füße auf dem Küchenboden. Sie war hier. Fünfundvierzig Jahre alt. Nein, sie war nicht mehr das Kind von damals, das nach Schutz lechzte. Sie war sicher. Auch dann, wenn jemand anderes nicht von ihr bekam, was er oder sie wollte.


»Ich muss nicht sofort antworten«, sagte sie laut in die Stille der Küche. Die Worte fühlten sich ungewohnt an, fast wie eine verbotene Sprache.

Sie nahm die Kaffeetasse, goss den mittlerweile lauwarmen Kaffee weg und setzte frisches Wasser auf. Sie beschloss, sich Zeit zu schenken. Einen Raum zwischen der Erwartung im Außen und ihrer inneren Reaktion. Ein Innehalten, das nur ihr allein gehörte.


Sie würde warten. Fünf Minuten, eine Stunde, vielleicht bis zum Abend. Solange, bis das Zittern in ihren Händen aufgehört hatte und ein tiefes, ehrliches Gefühl an die Oberfläche driften konnte. Und erst, wenn ihr Inneres – ohne Angst und ohne Schuldgefühle – ein klares Bild zeichnete, würde sie antworten.


Als das Wasser zu kochen begann, lächelte Clara. Der Nebel war weg. Und zum ersten Mal seit fünfundvierzig Jahren hörte sie ihn wieder: ihren eigenen, leisen, wunderbaren Herzschlag. Ihren eigenen Rhythmus.

 

Sonnige Grüße

Tanja alias Wortfeger


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